4StundenVollzeit_cappuccino
Kolumne

Mein 4-Stunden-Vollzeit-Job

In den letzten Wochen gab es in meinem privaten Umfeld jede Menge Jobwechsel. Ein lieber alter Kollege tauschte den Job bei Firma A gegen (fast) Gleiches bei der Konkurrenz. Besser bezahlt versteht sich. Meine Freundin tauschte für den neuen Job gleich die Stadt und hat Berlin den Rücken gekehrt. Beförderung inbegriffen. Was bei allen Wechseln offenbar konstant geblieben ist: es bleibt der klassische 8-Stunden-Plus-Job.

Trotz gesetzlich verankertem Recht auf Teilzeitbeschäftigung habe ich gleich zwei Menschen in meinem direktem Umfeld, denen der Antrag auf Teilzeit mit einer Bitte zur Kündigung bzw. der Einladung zum Aufhebungsvertrag quittiert wurde. Am 8-PlusX-Stunden-Vollzeitjob ist in Deutschland scheinbar nicht zu rütteln.

Ich arbeite auch Vollzeit. Im Schnitt sind das 4 Stunden am Tag.

Warum 4 Stunden Vollzeit sind

Es mag paradox für dich klingen, dass ich von „Vollzeit“ spreche und damit „nur“ 4 Stunden am Tag meine. Für mich ist der 4-Stunden-Vollzeit-Job Ausdruck meiner Freiheit und Selbstbestimmtheit. Und damit tief verankerter Werte in meinem Leben.

Dieses „Kürzerarbeiten“ ist es keine Erfindung von mir, ich bin nicht mal Vorreiter. Es ist auch keine Erfindung von  Tim Ferris (du kennst vermutlich sein Buch „Die 4-Stunden-Woche). Der Gedanke dahinter ist wohl mindestens so alt wie die industrielle Revolution. Vielleicht auch so alt wie die Menschheit, wer weiß.

Vor ein paar Tagen bin über ein Zitat von Friedrich Nietzsche gestolpert. Es klingt hart – bringt aber auf den Punkt, worum es geht:

„Wer von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich selbst hat, ist ein Sklave.“

Rechnen wir einfach mal nach:

Von 24 Stunden am Tag schlafe ich persönlich etwa 8 Stunden. Im letzten Jahr waren es mit Baby und Umzug eher mehr. Ohne meinen Schönheitsschlaf quäle ich mich selbst durch den Tag, und meine Umwelt gleich mit.

Zudem bin ich unausgeschlafen höchst unproduktiv.

Bleiben bei mir also 16 Stunden für das eigene Tun (und nicht-Tun). Jeden Tag. Nach Nietzsche gerechnet sind zwei Drittel für mich, also etwa 10,5 Stunden am Tag. Bleiben unterm Strich noch gute 5,5 Stunden täglich für andere Dinge. Zum Beispiel zum Arbeiten, Kinder-Kutschieren und Haushalt-Schmeißen. Davon entfällt der größte Anteil definitiv auf die Arbeit. Und das ist gut so, ich liebe meine Arbeit – genauso wie meine Familie und mein Leben als Frau.

Und genau darum sind 4 Stunden am Tag bei mir bereits „Vollzeit“.

Die „4-Stunden-Woche“ war meine provokante Anstiftung

Meine vorherigen Jobs als Angestellte lassen sich als „Kraftfahrer mit rudimentären IT-Kenntnissen und wachsenden Verkäufer-Fertigkeiten“ umschreiben: Ich war im Vertriebs-Außendienst amerikanischer Software-Hersteller unterwegs auf deutschen Autobahnen. Mein Mann lachte letzte Woche über mich, weil ich ihm auf der Fahrt von Berlin nach Dresden genau sagen konnte, wann die nächste Tankstelle kommt und wo es ein McCafé gibt. Dieses Wissen war in meinem letzten Job überlebenswichtig :-)

Und genau in diesen Jahren, ich meine es war 2008, bin ich an einem Bahnhof über das Buch Die 4-Stunden-Woche von Tim Ferris gestolpert. Ich habe es in einem Rutsch gelesen, viel geschmunzelt und das ein oder andere in den Alltag integriert: ich habe die Tageszeitung abgeschafft und schaue grundsätzlich keine Nachrichten im TV mehr.

Den Rest der 4-Stunden-Woche fand ich unterhaltsam, aber unrealistisch. Es bedeutet: weniger als eine (1) Stunde am Tag zu arbeiten. Und gerade weil es so surreal klang, war das Buch für mich immer wieder Anstoß zu überdenken, ob mein (damaliger) 60-Stunden-Job der Sinn des (Arbeits-)Lebens sein kann.

Grenze zwischen Arbeit und Freizeit wird bedeutungslos

Der gravierendste Unterschied zu meinem früheren „Angestellten-Job“ ist gar nicht nur die Anzahl der Stunden. Noch gravierender ist für mich, dass die früher so eisern erkämpfte und aufrecht erhaltene Trennung zwischen „Job“ und „privat“ im Grunde überflüssig geworden ist.

Früher hatte ich zwei Handys, um an freien Tagen sicher sein zu können, nicht aus der „Erholung“ gerissen zu werden. Heute habe ich das Gefühl von „urlaubsreif“ nur noch sehr selten. Und wenn – dann hab ich mir angewöhnt unmittelbar drauf reagieren: ein Tag nur für mich. Und in Ruhe ein spannendes Buch lesen, mich zum Frühstück verabreden oder ausgiebig shoppen zu gehen.

Damit sind für mich auch Wochentage eher belanglos geworden. Jedenfalls für die Arbeit. Ich arbeite eben im Schnitt 4 Stunden, jeden Tag.

So sieht mein 4-Stunden-Vollzeit-Job aus

Meine Arbeitszeit ist nur während Live-Trainings in feste Zeiten gegossen. Dann arbeite ich entweder online von meinem heimischen Arbeitszimmer aus oder in einem lauschigen Seminarraum in Berlin oder Hamburg.

Damit komme ich im Monat auf etwa 50-60 Stunden. Das ist wohlbemerkt genauso viel wie meine frühere Wochenarbeitszeit! Runtergerechnet auf 30 Tage im Monat sind das 1,5 bis 2 Stunden täglich. Also die knappe Häfte meines „4-Stunden-Vollzeit-Jobs“. Das ist für mich ein guter Schnitt, bei dem ich langfristig bleiben möchte.

Ich rechne wohlgemerkt mit 30 Tagen im Monat – ganz einfach, weil ich am Wochenende nach einem ausgiebigen Frühstück mit meiner Familie sehr kreativ bin. Und genau dann schaffe ich fast mühelos das, was ich früher mit Selbst-Zwang und höchster Anstrengung vollbracht habe. Seitdem ich das weiß, habe ich die Wochentage für unwichtig erklärt.

Neben meinen Trainingszeiten habe ich ein paar „feste“ Arbeitsroutinen, die mich regelmäßig begleiten:

  • 30 Minuten am Tag gehören dem Thema Social Media
  • Montage der Kunden-Akquise. 90 Minuten lang = entspricht ca. 15 Minuten am Tag
  • Freitage dem Netzwerken. 90 Minuten lang = entspricht ca. 15 Minuten am Tag

Im Schnitt brauche ich dafür also eine weitere Stunde am Tag. Bis hierhin gerechnet sind 2,5- 3 Stunden der täglichen Zeit sinnvoll genutzt.

Damit bleiben 7-10 Stunden in der Woche über. Das ist soviel, wie ein „normaler“ Arbeitstag früher. Diese letzte Stunde meiner täglichen“Arbeitszeit“ nutze ich eher spontan (und manchmal auch gar nicht):

Wenn mir eine Idee für ein neues Training in den Sinn kommt, setzte ich mich mit einem guten Kaffee in den Garten, geniesse den Schatten der Bäume und lass den Gedanken freien Lauf. Was wichtig erscheint, landet auf einem Stück Papier. Der Rest wird gleich wieder vergessen. Später am Rechner recherchiere ich dazu, ergänze und streiche – und geb „Butter bei de Fische“.

Mit der richtigen Energie habe ich dann in ca. 3 Stunden ein fertiges Trainingskonzept. Etwas, wofür ich problemlos auch 2-3 Wochen investieren könnte ohne dass das Ergebnis signifikant besser wäre. Einfach nur, weil ich das Konzept dann erstelle, wenn es ohnehin grad im Kopf ist. Und nicht, weil ich heute Zeit dafür eingeplant habe.

Gleiches gilt für Blog-Artikel: alle guten Vorsätze, dienstags einen Artikel zu schreiben sind gescheitert. Ich brauchte Ewigkeiten dazu, meine Motivation ging gegen Null. Mittlerweile mach ich es wie mit den Trainingskonzepten: auf Papier beim Kaffee bis es im Kopf steht. Das letztliche Tippen am Rechner geht dann sehr flott von der Hand. Darüber hinaus halte ich es wie von Sandra Holze hier sehr schön beschrieben: die Arbeit auf 3 Tage aufteilen – und jeweils einen spezifischen Schwerpunkt setzen. Funktioniert auch mit Trainingskonzepten super.

Urlaub geht jetzt anders

„Selbständige haben keinen Urlaub“ – davon ist die Nation irgendwie überzeugt. Ich kann sagen: stimmt. Man ist immer ein wenig bei der Firma bzw. seinem Business. Gleichzeitig gibt es haufenweise Lifestyle-Entrepreneure, die durch die Welt reisen und parallel arbeiten und Geld verdienen.

Sie sind für mich ein großes Vorbild. Darin, dass Urlaub und Job keine Trennung brauchen. Und darin, dass wir die technischen Möglichkeiten bei der Arbeit noch viel zu wenig im Sinne von „selbstbestimmtem Arbeiten“ nutzen.

Mein Psychologie-Prof an der Uni ist sehr gern auf den „3-Bs“ herumgeritten. Diese 3 B-Worte stehen als Sinnbild dafür, wie man auf neue Ideen kommt. Kennst du die 3 Orte dafür?

Bed, Bath, Bicycle sind das Sinnbild für „Ideenfinden“

Sie stehen also für „Entspannung“. Und wo geht das besser, als im Urlaub?

Und du?

Wie lang ist für dich der optimale Arbeitstag? Bist du für eine 4-Tage-Woche oder einen 4-Stunden-Tag?

  • Hallo Kathrin,

    in deinem Artikel habe ich wieder einmal die Bestätigung in meinem Tun und meinen Zielen gefunden. Die Leute schauen mich immer erstaunt an, wenn ich ihnen sage, dass ich keinen 40-Stunden Job haben will und einen „Arbeitstag“ mit maximal 6 Stunden berechne.
    Ich habe aufgehört damit, den Leuten Erklärungen dafür zu geben. Ich umgebe mich lieber mit Menschen, die mir helfen nie wieder im „Hamsterrad“ mitlaufen zu müssen. Menschen wie Du beweisen mir fast täglich: es geht auch anders. Auch wenn der Weg zum selbstbestimmten Arbeiten und Leben nicht immer leicht ist. Ich bin überzeugt es funktioniert.

    Beste Grüße
    Lars

    • kathrin

      Hallo Lars,
      ohja, das „Staunen“ und „Erklärungen geben“ kenn ich auch sehr gut. Bis sich das eigene Umfeld irgendwann mal daran gewöhnt, vergehen gefühlt Lichtjahre….;-)
      Für heute herzliche Grüße aus Berlin! Kathrin

    • Ja, das Hamsterrad und der Tausch Zeit gegen Geld. Ich habe nun auch den Schritt gewagt aus der 60-Stunden-Woche und mehr auszubrechen. Mir hat Tim Ferriss Buch sehr geholfen. Schau dir mal die Zusammenfassung hier an: http://www.gruenderbook.de/4-stunden-woche-und-die-tiefere-wahrheit/
      Ich bin der festen Überzeugung, dass das Orts- und Zeitunabhängige Arbeiten funktioniert und mir und meiner Familie einen grossen Mehrwert bringt: Lebensqualität. Auf zum Lifestyle Entrepreneur :)

  • Hallo,

    zuerst dachte ich: Jaja, wieder so ein Ferris-Artikel. Und doch erkenne ich mich selbst in den Ausführungen wieder. Ich schaffe es vielleicht nihct ganz auf die 4-Stunden hinunter, aber mit unserem aktuellen Projekt (einer Online-Software für kleine Unternehmen) habe ich auch eine ganz ähnliche Balance zwischen Arbeit und Privatleben inklusive Familie gefunden. Sonntag ist ein Arbeitstag, wenn gerade eine Idee im Kopf herumgeistert. Morgens um drei schreibt sich ein Blogbeitrag ganz hervorragend, wenn er eben heraus will. Dafür ist auch mal ein Donnerstagvormittäglicher Kaffe auf dem Marktplatz drin, so lange ein Notizblock dabei ist 😉
    Nachmittage an meinen „Familientagen“ gehören der Hausaufgabenbetreuung und dem Speil mit den Kids und dem Haushalt.

    Zum Thema Urlaub habe ich mir folgendes angewöhnt: Das Laptop reist immer mit, und wird dann meist weder vermisst noch ausgepackt. Wenn ich aber auf der Terrasse am Ferienhaus säße und eine gute Idee hätte, aber das Laptop zuhause läge, würde mir (und der Familie) den Urlaub verderben.

    Ich kann es nur bestätigen: Arbeiten, wenn der Kopf dazu da ist, ist dreimal so produktiv, als seine Arbeitszeiten nach der Uhr zu richten. So schafft man auch mal in 90 Minuten, wozu früher im Büro ein oder zwei ganze Tage drauf gingen…

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