entre.fem15 Podiumsdiskussion Kathrin-Franck.de
Social Business

Entre.Fem – das war 107% Inspiration!

Letzten Donnerstag fand in Berlin die zweite Entre.Fem statt. Eine Konferenz für Gründerinnen. Genauer gesagt für „junge Gründerinnen“. Die Agenda war spannend genug, um auch als „älteres Eisen“ hinzugehen. Und ich wurde nicht enttäuscht worden:

107 % Inspiration

Inspiration pur – gepaart mit großartigen Menschen und einer sehr lebhaft-interessanten Podiumsdiskussion haben mir einen Vormittag voller neuer Ideen beschert. Mit Blickwinkeln, die ich so spannend finde, dass ich sie hier zusammengefasst habe.

Fangen wir am Anfang an: die zentrale Frage, die mich zur Entre.Fem gezogen hat klingt trivial: „Wie sorge ich dafür, dass mein Geschäft [weiterhin] läuft? Zuverlässig und planbar.“ Mit dieser Frage im Hinterkopf habe auf der Entre.Fem energievollen Vorträgen von betterplace.org, Rocket Internet Service und einer Poduiumdiskussion mit vier charismatischen Grünnderinnen gelauscht, mitgeschrieben und ein paar Schnappschüsse gemacht.

Joana Breidenbach sprach in einer gelungenen Keynote über ihren Weg zu betterplace.org und darüber, wie die gemeinnützige AG heute finanziert. Sie spricht von ihrer Patchwork-Biographie, der Weltreise auf der die Idee für ein „ebay für soziale Projekte“ kam und darüber, dass man trotz allem Unternehmertum auch parallele Projekte haben darf und sollte. Joana Breidenbach erzählt in diesem Zusammenhang von einem Kinderkrimi, den sie kürzlich mit einer Freundin auf den Weg gebracht hat.

Ihre Keynote und der Erfolg von betterplace.org rankt sich um 5 elementare Prinzipien, über die sie sehr anschaulich erzählt. Drei davon sind mir in besonderer Erinnerung geblieben.

Keynote: Joana Breidenbach über den Weg zu betterplace.org

Keynote: Joana Breidenbach über den Weg zu betterplace.org

„Folg dem Knistern an deiner Zimmerdecke.“

ist ihr erstes Prinzip. Ich würde wohl sagen: Hör hin, wenn dein Bauch und Herz synchron springen.

Sie erzählt davon, dass ihr Mann ein wahrer Springbrunnen für neue Ideen ist. Und hin und wieder sind Ideen dabei, bei denen es richtig „knistert“. Elektrisierung pur. Und hier gilt es hinzuschauen, zuzugreifen und etwas daraus zu machen.

Nicht jede Idee muss umgesetzt werden. Und viele Ideen zu haben, ist ein echtes Talent. Die Kunst ist es, ein gutes Gespür dafür zu entwickeln, was zündet.

Ihre Erzählung ermutigt, einfach anzufangen mit der Idee, die da ist. Und den Mut zu behalten, weitere Ideen durch die Tür zu lassen. Es wird nicht alles davon ein Durchbruch werden. Und das ist ganz normal. Was mich gleich zu einem weiteren ihrer Prinzipien bringt:

„Experimentier mit deinem Geschäftmodell.“

Betterplace, als „ebay für soziale Projekte“ hatte immer das Ziel, 100% der Spendengelder an die Projekte weiterzugeben. Hinter mir in der Reihe höre ich die Frage „Und wovon lebt sie dann?“. Die Antwort darauf war für betterplace lange unklar. Frau Breidenbach erzählt von zwei Versuchen, die gänzlich gescheitert sind:

Weder die Finanzierung durch Werbeeinnahmen noch die Idee des „Weihnachtswunschbaums“ brachten eine Antwort auf die Frage der Finanzierbarkeit. Ich gebe zu, die Weihnachtsbaum-Idee wurde mir nicht so ganz klar. Aber darum ging es hier gar nicht. Sondern um den Mut, bei seiner Idee zu bleiben und neue Wege der Finanzierbarkeit zu finden. Dazu ging betterplace einen Weg, der im ersten Moment trivial klingt:

„Kooperier mit Gleichgesinnten, die dich ergänzen.“

Den ersten wegweisenden Schritt zur Finanzierung von betterplace.org brachte eine Kooperation mit PayPal. Im Rahmen dieser Kooperation bot PayPal seinen bestehenden Kunden an, ihr (Rest-)Guthaben für betterplace-Projekte einzulösen. Quasi über Nacht kam Schwung in die betterplace-Projekte.

Den Durchbruch brachte aber erst der Ansatz, die betterplace-Plattform als „Whitelabel-Lösung“ zur Verfügung zu stellen. Heute nutzen Regionalzeitungen die technische Plattform von betterplace, um ihre sozialen Projekte vorzustellen und das Spendensammeln umzusetzen. betterplace.org übernimmt dabei nicht nur die technische Bereitstellung, sondern auch dazugehörige Dienstleistungen wie das Ausstellen von Spendenquittungen.

„Manchmal ist also umdenken gefragt.“

An dieser Stelle musste ich wirklich zweimal nachdenken: betterplace steht für soziale Projekte. Und finanziert sich – und damit die Projekte – als SaaS-Anbieter. Wenn das mal ein „um-die-Ecke-denken“ ist! Das Ergebnis ist genial: so können mehr Menschen für soziale Projekte erreicht werden und die weitere 100%-ige Weitergabe der Spendengelder ist gesichert. Zumindest vorerst.

Auch wenn die Whitelabel-Lösung eine großartige Art der Kooperationen ist, sei man weiter auf der Suche sagt Frau Breidenbach. Und sie sagt auch ganz offen: „Wir wissen immernoch nicht, was es werden wird.“

Unter der Flagge von betterplace.lab ist sie seit zwei jahren dabei, Trendforschung zu betreiben. Versucht herauszufinden, wie sozialer Wandel unterstützt werden kann. Wie Lebensqualität verbessert werden kann. Und gibt den Zuhörern eine vielleicht etwas überraschende Erkenntnis weiter:

„Das Geld folgt der Inspiration.“

sagt Joana Breidenbach, als sie von der Entscheidung berichtet, mit betterplace.lab mehr Experimente zu wagen. Mitarbeiter reisen für Forschungsarbeit auch ohne geklärte Finanzierung dorthin, wo sie am Herz des Problems forschen können. Und sie sollte recht behalten: die Finanzierung der Projekte kam schneller, als sie erwartet hatte: es dauerte keine zwei Monate.

„Wenn man Selbst ist, Mut hat was zu machen, kann man wesentlich erfolgreicher sein, als jemand der nach Schema F vorgeht. Ich wünsche euch Mut!“

Eine großartig inspirierende Keynote von ein eine Frau mit sehr angenehmer Bühnenpräsenz und hoher Authentizität!

Der Kontrast zum nächsten Vortrag hätte wohl kaum größer sein können: jetzt kam das

„Schema F“ in personifizierter Form

Zwei Mitarbeiter von Rocket Internet erklären detailgenau die messerscharfe Planung ihrer Gründungen. „Plug and Play“ nennen sie es. Copy & Paste wäre mein Ausdruck dafür.

Dass die beiden aus der „Berater-Schiene“ kommen war bereits vor ihrer eingehenden Vorstellung unschwer erkennbar. Jetzt ging es nicht mehr um Leidenschaft, sondern um „Execution“ in perfektionierter Form.  „Schema F“ eben.

Rocket Internet: So launchen wir!

Rocket Internet: So launchen wir!

200 Tage bis „off the payroll“

Zu deutsch: in 6 Monaten läuft der Laden autark von Rocket. Es geht um einen perfekt ausgefeilten 200-Tage Plan.

300 Tasks für die ersten 100 Tage. Das ist nichts für jeden. Um bei Rocket auf den Stuhl eines Gründers zu kommen, braucht es aber auch einiges. Was genau erklärt die HR-Mitarbeiterin von Rocket so:

Unsere Gründer sind Leute mit exzellenten Vorausseztungen für einen Geschäftsführer. Viele kommen aus Unternehmensberatungen. Die Leute sind es gewohnt, Geld zu verdienen. Und das bekommen sie hier auch vom ersten Tag an. Sie sind aber auch ein stückweit risiko-aversiv. Es sind Gründer, die Professionalität schätzen und nicht allen Admin-Kram selbst machen wollen.

Zusammengefasst also angestellte Geschäftsführer, die gern ausführen, was man Rocket Internet für erfolgreich hält.

Die Gründungsideen bringen hier nicht die Gründer mit.

Die Ideen sind vor den Leuten da.

Funktionierende Konzepte, kopiert aus Übersee und angepasst an lokale Gegebenheiten.

Dazu eine Maschinerie von Profis, die ihr Fach exzellent beherrschen: Designer, PR-Leute, Programmierer, Finanzprofis. Gepaart mit den besten Connections zu Medien weltweit. Eben alles, um „Raketen“ starten zu lassen.

Mich erinnert es sehr an meine Jahre in Großkonzernen und weckt wenig Leidenschaft in mir, mit Rocket zu gründen.

Dennoch: die weitere Erklärung zur Vorgehensweise find ich hoch spannend:

Tag 5 (!): die geplante Hiring-Struktur steht.

Ab Tag 10 kann auf die Entity eingestellt werden. Wer schon mal eine GmbH gegründet hat, der weiss, dass es nicht so einfach ist, die deutsche Bürokratie zu jonglieren. Man braucht z.B. ein Konto für die GmbH, das man aber ohne die gegründete GmbH noch gar nicht eröffnen kann. Ohne jemanden an der Seite, der weiss wie es geht, verbringt man Tage damit, solch scheinbar unlösbare Probleme zu lösen. Bei Rocket man in der Zwischenzeit schon fast gestartet.

Tag 100 (also nach knapp 3,5 Monaten): Hard-Launch.

Die Webseite ist perfekt designt, programmiert, getestet. Der gesamte Prozess inkl. Auslieferung des Produktes wurde im Stress-Test auf Herz und Nieren geprüft. Bilder für Pressemappen sind geschossen. Die Marketingmaschinerie rollt an.

Parallel sieht der Projektmanager von Rocket haargenau, bei welchem Task die Zielerreichung im roten oder grünen Bereich ist. Er sorgt dafür, dass nach 200 Tagen keine Rocket-Ressourcen mehr an diesem Projekt arbeiten. „Off the payroll“ nennt man das fachmännisch. Bis dahin müssen alle Stellen gestafft sein, die bis Tag 10 festgelegt wurden. Der Gründer verbringt logischerweise viel Zeit mit Vorstellungsgesprächen: 4-5 Bewerber am Tag. Nach 200 Tagen soll das Team schließlich aus 30-50 Top-Leuten bestehen.

Auch wenn sich aus dem Publikum die ein oder andere während der Selbstvorstellung von Rocket in die Küche oder den Hoe zurückgezogen hat, habe ich vor allem gelernt:

Schnell sein ist alles. Fang an und hol die Profis an die Seite. 

Und in dieses Horn blasen auch die vier Gründerinnen, die nach der Pause in einer sehr lebhaften und natürlichen Podiumsdiskussion auf der über ihre Gründungserfahrungen berichten.

Jetzt dreht es sich nicht mehr um Prozesse sondern, Leidenschaften: Hunde, Boote, Reisen und Sex – ja, Sex.

„Gibt es eine unternehmerische DNA?“

Das war gleich eine der ersten Fragen an die vier Frauen mit Charisma. Die Meinungen sind sehr ähnlich: Leidenschaft für das Thema, Bereitschaft viel zu arbeiten sowie Wunsch und Wille, das Problem deiner Kunden wirklich lösen zu wollen.

Rocket war der Inbegriff von „Copy und Paste“. Hatten die vier Gründerinnen denn Angst, dass ihre Idee geklaut wird, wenn sie zu viele Menschen einweihen?

„Ideen sind noch nix! Auf die Umsetzung kommts an. Das ist das Schwierige.“

fasst Pia Poppenreiter die einhellige Meinung treffend zusammen. Und könnte mit diesem Statement wohl auch einen Vortrag bei Rocket Internet halten.

Spannend finde ich es, aus Stolpersteine und Hürden anderer lernen. Man muss ja nicht jeden Fehler selbst machen. Und zu diesen Stolpersteinen befragt die Moderatorin die vier Gründerinnen. Die beiden Antworten, die es in der Schnelle der Diskussion auf meinen Notizzettel geschafft haben wirken immer noch nach:

„Schneller einen Prototypen launchen“

„Finanzierung aufstellen und Investoren finden kann Monate kosten und sehr anstrenged sein“

Die abschließenden Tipps der vier an alle Gründerinnen in spe:

„Durchhalten!“

„Glaubt an eure Idee! Auch wenn es 20 Meinungen dazu gibt. Zieht es durch.“

„Ego zurückstellen und einander helfen.“

„Finde, was du liebst!“

Mit dieser geballten Inspiration des Vormittags habe ich mir das lecker-leichte Mittagessen im hub:raum schmecken lassen und wäre zu gern bis zum Abend geblieben.

Danke an das Team der Entre.Fem für den inspirierenden Vormittag. Ich freu mich auf euch in 2016!