Social-Media-Allergie kathrin-franck.de
Kolumne

Haben Sie auch eine Social-Media-Allergie?

„Wenn ich >Social Media< höre, krieg ich Luftnot“

sagte mir gestern ein Kunde am Telefon.

Mir blieb auch die Luft weg. Nein, nicht weil mich die Aussage schockierte. Ich höre sie regelmäßig.

Mir blieb die Luft weg, weil der Satz von mir hätte sein können. Jedenfalls vor drei Jahren.

Wie stehts um Ihre Allergie?

Ich selbst bin „sozialer Spätzünder“. Mindestens. Leicht allergisch. Hyposensibilisiert über die letzten 3 Jahre.

Und Sie? Erinnern Sie sich noch, warum Sie damals einen OpenBC-Account eingerichtet haben?

Damals, das war bei mir 2004. Mein einziger Grund für OpenBC hieß Peter. Das war mein Kollege. Er fand so einen Online-Club total cool, ich müsse unbedingt dabei sein.

Dem Team zuliebe habe ich seither also einen OpenBC-Account. Heute heisst er einfach Xing. Seither sammeln ich dort virtuelle Visitenkarten von alten und neue Kollegen, Ansprechpartnern bei Kunden und von sonstigen Menschen, mit denen ich in Verbindung bleiben möchte. Ja, ich find das ausgesprochen praktisch.

Das einzig nennenswerte Highlight meiner ersten Xing-Jahre war mein Jobwechsel 2007/2008. Es lief wie im Bilderbuch: Headhunter: Telefonat, Treffen. 2 Vorstellungsgespräche. Neuer (Traum-) Job.

Haben Sie mehr rausgeholt aus Xing?

Für meine Arbeit als Account Manager fiel Xing allenfalls in die Kategorie „spannend“. Es war sehr praktisch hier Jobwechsel mitzubekommen. Von Kollegen, IT-Leitern und dem Rest der Welt.

Achja, Facebook nicht zu vergessen. Dort bekommt man Freundschaftsanfragen von Geschäftspartnern, Kunden und vom Chef. Völlig skurril.

Und es gab Gutscheine von McDonald’s für den nächsten Pitstop. Mein Job lief gut, ich konnte mir den Burger an der A13 auch zum vollen Preis leisten.

Genervt haben mich aber die Einladungen nach Facebook. Um sie loszuwerden hab ich mich doch angemeldet. Mit zwei Accounts. Unter meinem Mädchennamen für alle „alten“ Freunde. Unter meinem neuen Namen für den Rest der Welt. Und schon war Ruhe.

Flugverspätungen, Autobahnstaus und Urlaubsbilder zu posten habe ich meinem Netzwerk überlassen. Geschäftlich habe ich über Facebook nie nachgedacht. Passt nicht zur IT-Branche.

„Fans“ gehörten für mich zu Hertha

Meine Assoziationen für Social Media waren „Fans“, „Werbung“, „privat“. Daraus habe ich mir meine eigene Wirklichkeit über dieses Social-Media-Zeug gebaut. Und meinen Job entspannt weitergeliebt.

Rückblickend frage ich mich manchmal, warum hat mich eigentlich niemand um die Ecke geschubst hat. Nur um mal von der anderen Seite zu schauen?

Wissen Sie, worauf ich hinaus will? Nein, wie auch.

Ich hätte jeden Social-Media-Verehrer zum Teufel gejagt

Und zwar jeden, der mir etwas zu Social Media im Job erzählen will. Ich arbeite schließlich im Vertrieb. Social Media ist etwas für die Damen im Marketing.

Was ich allerdings nie verstanden hatte, war die Sache mit dem „zuhören“.

Klar, auf der Sales School bei Big Blue – ganz am Anfang meiner Vertriebskarriere – wurde mir das sprichwörtlich eingebläut. Meinem Kunden zuhören. Als oberste Priorität. Das hat sich bewährt. In jedem einzelnen Jahr im B2B-Vertrieb.

„Esse Spagehtti Bolognese“: ich war fassungslos

Wie höre ich bitte zu, wenn die Leute über den Speiseplan der Kantine zwitschern, den Stau auf der A9 an die Welt posten und ich mein Xing-Profil so oft überarbeite, dass mein ganzes Netzwerk nur noch „News“ von diesen Updates liest?

Gar nicht. Dachte ich. Und denke ich heute noch.

Dabei ist zuhören mit Social Media denkbar einfach. Im Grunde sogar einfacher als mitzumachen. Aber das wusste ich damals nicht.

Social Media ist wie eine Party

Wurde mir jedenfalls gesagt.

Partys sind meist schon voll wenn ich (endlich) ankomme. Jedenfalls bei geschäftlichen Anlässen. Alle sind am reden. Die Kollegen mit dem Chef. Der IT-Leiter meines Top-Kunden mit dem PreSales-Typen von der Konkurrenz. Gartner referiert über die Tech-Trends fürs nächste Jahr. Microsoft präsentiert etwas über hybride Clouds.

Und ich steh fassungslos da und frage mich, wie ich mich jetzt ins Getümmel stürze.

Auf der normalen Party würde ich Ausschau nach bekannten Gesichtern halten. Schauen, in welches Gespräch ich mich mit Manier und Knigge-Anstand einklinke. Und hier?

Diese Party hat eine andere Regel

Auf der Social-Media-Party gehe ich direkt zum  IT-Leiter. Und höre zu, was er mit dem PreSales-Typen von nebenan bespricht. Völlig ungeniert. Hochspannend! Die Unterhaltung ist öffentlich.

Danach nehm ich eine Apfelschorle, lausche Microsoft und höre zu, was mein Chef vom Super-Kunden-Event in den USA berichtet. Er ist grad persönlich dort.

Der IT-Leiter erzählt zwischenzeitlich über Big Data und was es für sein Unternehmen bedeutet. Praktisch hier zuzuhören. Dazu kann ich ihn morgen direkt mal anrufen.

Nebenbei liegt noch die Teilnehmerliste aus. Für den nächsten IT-Leiter-Tag in Irgendwo.

Ein Blick darauf verrät mir: der CIO meines Top-4-Kunden ist auch dort. Ich schau mal, ob er auch hier auf der Party ist. Und was er so erzählt. Und mit wem. Vielleicht finde einen neuen Ansatzpunkt für einen Termin ganz oben.

„Sell High“ war schließlich die zweite Prämisse,

die ich auf der IBM Sales School gelernt hatte.

Jetzt wird mir Social Media etwas sympathischer. Statistisch gesehen (ja statistisch) sind 4 von 5 meiner Entscheider selbst aktiv in Sachen Social Media. Das bescheinigt jedenfalls LinkedIn in einer Studie aus letztem Jahr.

Jetzt frag ich mich natürlich: habe ich immer mit dem einen Entscheider zu tun, der nicht dabei ist? Oder gilt das für mein Kundenset nicht? Oder hab ich nicht verstanden wie es funktioniert?

Die Sache mit den Entscheidern finde ich nämlich spannend.

Mit Nachhilfe in Sachen „zuhören“ auf meinem Social-Media-Ohr finde ich zu nahezu allen Unternehmen einen Cxx, der bloggt oder twittert. Und zwar über Themen, die er mir bisher gar nicht verraten hatte.

McDonald’s hat mehr als Online-Coupons

Sogar McDonald’s bietet mir mehr als 50%-Gutscheine für den nächsten Burger an der A9! Haben Sie schon mal im Blog von Wolfgang Goebel mitgelesen? Seines Zeichens Personalvorstand beim goldenen M. Oder bei Mann und Hummel? Achso, das ist gar nicht Ihr Kundenset.

Wenn ich das gewusst hätte, wäre mein Vertriebler-Smalltalk anders gelaufen. Ich hätte mich meiner Social-Media-Allergie vermutlich gestellt, Pollenflugkalender studiert und Nasenspray besorgt.

Meine Pipelineplanung wäre viel einfacher gewesen. Ich hätte wesentlich proaktiver arbeiten können. Und vielleicht hätte ich meinen Job sogar noch mehr geliebt als ohnehin schon tat.

Meine Zeitinvestition in aussichtslose Projekte wäre definitiv deutlich gesunken.

Am Ende bleibt also nur die Frage,

wohin mit der gewonnen Zeit?

Wer weiß, was ich damals mit der neuen Freiheit angestellt hätte…Wer weiß!